Medizinethnologie

Ebola, Medien und Ethnologie – Offener Brief zum SZ-Artikel „Böser Zauber Ebola“

Die aktuelle Ebola-Krise zeigt, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Medien und Ethnologie ist, um in der Öffentlichkeit ein differenziertes Verständnis der gesellschaftlichen Reaktionen und gesundheitspolitischen Herausforderungen in Westafrika zu fördern. Wichtig ist dabei vor allem, eine balancierte Perspektive auf das komplexe Thema „Kultur“ einzunehmen, indem lokale Wahrnehmungen, Praktiken und individuelle Antworten auf international initiierte Interventionen ernst genommen werden, ohne sie jedoch als grundsätzlich „andersartig“ von denkbaren gesellschaftlichen Reaktionen „im Westen“ darzustellen. Des Weiteren sind die zunächst als „kulturspezifisch“ erscheinenden Reaktionsformen auf eine tödliche Bedrohung wie Ebola, und konkret zum Beispiel auf das Sterben zahlreicher Angehöriger und Nachbarn oder das Erscheinen vermummter Helferteams, immer nur durch den Verweis auf die jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Hintergründe verstehbar. Aussagen über „Kultur“ und kulturelle Praktiken benötigen daher stets eine differenzierte Kontextualisierung – zum Beispiel mit Bezug auf lokal verortete Globalisierungsprozesse (wie etwa den lokalen Umgang mit „westlichen“ Regierungs- und Wirtschaftsformen) oder die Geschichte nationaler Gesundheitssysteme –, um Vorstellungen wie „böser Zauber“ oder das Misstrauen gegenüber internationalen und nationalen Helferteams nicht als exotisch, anachronistisch oder irrational darzustellen.

Ausdrücklich begrüßen wir alle Bemühungen, ethnologische Expertise stärker in den Medien einzubringen. Wir wünschen uns eine breite und gerne auch kontroverse Diskussion hierzu, von der wir uns wichtige Impulse für die Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung nicht nur der aktuellen Krise in Westafrika erhoffen. In unserer Blog-Serie mit Artikeln zu Ebola in Westafrika veröffentlichen wir an dieser Stelle daher zunächst eine Stellungnahme zum Artikel „Böser Zauber Ebola: Ethnologen im Hilfseinsatz“, der am 15.12.2014 in der Süddeutschen Zeitung erschien. Gerne nehmen wir weitere, aus ethnologischer und/oder journalistischer Perspektive formulierte Stellungnahmen zu Medienberichten über Ebola entgegen – und laden Beiträge über die Kommentierungsfunktion ein.

Hansjörg Dilger, Dominik Mattes und Michael Knipper

 

Stellungnahme zum SZ-Artikel „Böser Zauber Ebola: Ethnologen im Hilfseinsatz“ (Süddeutsche Zeitung: 15.12.2014)

Ulrike Beisel, Anne Menzel, Sung-Joon Park, Anita Schroven* und René Umlauf

Sehr geehrte SZ-Redaktion Wissen,

der SZ Wissen Artikel „Böser Zauber Ebola – Ethnologen im Hilfseinsatz“ von Kai Kupferschmidt beschäftigt sich mit der Rolle von Ethnolog_innen in den internationalen Maßnahmen zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Westafrika. Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema begrüßen wir als Ethnolog_innen ausdrücklich. Allerdings enthält der Artikel Fehler in der Darstellung sowohl der Ethnologie als auch der Ebola-Epidemie in Westafrika, die uns zu einer Stellungnahme veranlassen. Im Kern befasst sich der Artikel mit der Bedeutung des „kulturellen Kontextes der Ebola Bekämpfung“ in den betroffenen Ländern. Hierunter versteht der Autor so unterschiedliche Praktiken und Phänomene wie Beerdigungsrituale, Gerüchte und Verschwörungstheorien sowie das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber staatlichen oder internationalen Institutionen. Der Artikel trägt allerdings wenig zu einem tiefergehenden Verständnis der kulturellen Kontexte von Ebola bei, sondern exotisiert und vereinfacht die Beweggründe der lokalen Bevölkerung. Er missversteht damit grundlegende Erkenntnisse sowie die Methodik der Wissenschaft Ethnologie.

 

Exotisierung

Beerdigungsrituale, Hexerei, Misstrauen und Verschwörungstheorien sind in der gegenwärtigen Ebola-Epidemie grundsätzlich zu berücksichtigen – aber neben vielen anderen Faktoren. Problematisch wird diese Darstellung, wenn sie lokale Praktiken und Vorstellungen und moderne Biomedizin als unvereinbare Gegensätze wiedergibt. Obwohl der Artikel durchaus um Verständnis und Verständigung bemüht ist, werden doch altbekannte und empirisch lange widerlegte Stereotype bedient. Misstrauen und Angst werden als Ignoranz, ja als Irrationalität und als mangelnde Verständniskapazität für medizinisches Wissen dargestellt. Der Artikel schreibt der Ethnologie die Einsicht zu, dass das Wort „Virus“ für die lokale Bevölkerung ein gänzlich unbekanntes Fremdwort sei ‒ und nicht eine gesundheits- und lebensgefährliche Bedrohung. Mit keinem Wort werden „westliche Kontexte“ erwähnt, wie beispielweise Deutschland, in denen Unsicherheiten und diffuse Ängste nicht minder die Ebola-Epidemie begleiten, die auch hier nicht nur auf biomedizinischen Einsichten, sondern auf lange etablierten kulturellen Deutungsschemata beruhen.

 

Vereinfachung

Die Ethnologie, auf die sich der Artikel bezieht, beschäftigt sich als kritische Sozialwissenschaft mit der Darstellung des Anderen und dem Problem des Fremdverstehens. Die kritische Reflexion beruht auf einer systematischen Auseinandersetzung mit der teilnehmenden Beobachtung als einer wissenschaftlichen Forschungsmethode. Ethnolog_innen sind sich einig, dass eine Unterscheidung zwischen „Tradition“ – z.B. Beerdigungsritualen – und „Moderne“ – z.B. Biomedizin oder Demokratie – weder empirisch haltbar noch einer Debatte zuträglich ist. Beerdigungsrituale oder der Glaube an Hexerei sind nicht weniger vielfältig und dynamisch wie die Biomedizin selbst. Besonders problematisch wird der Wunsch nach einer Trennschärfe zwischen Tradition und Moderne, wenn damit eine Ebola-Epidemie erklärt werden soll. Dem Autor mag es nicht bewusst sein, aber die Unterstellung, dass „kulturelle Kontexte“ für die Ausbreitung der Krankheit mitverantwortlich seien, verkennt die unglaublich schwierige Lage der Betroffenen. Die Menschen sind es nicht nur gewohnt sich selbst zu helfen, sie müssen vielmehr in der Pflege von Kranken auf familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke sowie auf lokale Heiler vertrauen, da es keine anderen Möglichkeiten der Unterstützung gibt. Dass die Ebola-Epidemie gerade solche Selbsthilfe gefährlich macht, ist ihre besondere Tragik.

 

Ethnologie als Wissenschaft des Übersetzens

Man kann Ethnologie als Wissenschaft des Übersetzens verstehen – ein Übersetzen, das das Fremde bekannt(er) macht und das Bekannte fremd oder zumindest weniger selbstverständlich erscheinen lässt, um zwischenmenschliche Verständigung und Verständnis zu ermöglichen. Was tragen Ethnolog_innen in der aktuellen Krise konkret bei? Zum einen geht es in der Tat darum ‒ wie es in dem Artikel auch dargestellt wird ‒ Interventionen so zu gestalten, dass sie lokal verständlich, akzeptabel und damit auch wirksam sind. Dies beinhaltet jedoch nicht ausschließlich „einfach nur zuhören“. Vielmehr muss auch verstanden und übersetzt werden, was gesagt wird. Übersetzung in der Ethnologie ist mehr als die Übersetzung von Worten wie Virus oder epidemiologisch korrekten Beerdigungsrichtlinien in lokale Beerdigungspraktiken. Sie reflektiert vielmehr kritisch über die Möglichkeiten der Vermittlung und untersucht die Interaktionen zwischen lokalen, nationalen und internationalen Akteuren. Die Analyse dieser Interaktionsmuster beinhaltet auch eine Auseinandersetzung mit humanitärem Journalismus wie dem Artikel „Böser Zauber Ebola“, der gut gemeint sein mag, aber für die mediale Öffentlichkeit ein grundsätzliches Missverständnis als bequeme Erklärung für die Ebola-Epidemie manifestiert: nämlich die Vorstellung, der „kulturelle Kontext“ sei das zentrale Problem. Als einschlägiges Beispiel für ethnologische Vermittlungsarbeit führt der Autor entsprechend die Empfehlung an, Ebola in der Kommunikation mit der lokalen Bevölkerung als „bösen Zauber“ zu bezeichnen ‒ weil sie es sonst nicht verstehen. Er schreibt diese Empfehlung der US-amerikanischen Ethnologin Catherine Bolten zu, die uns gebeten hat, in dieser Stellungnahme nachdrücklich ihre Irritation über diese Darstellung zum Ausdruck zu bringen. Bolten argumentiert keinesfalls, dass die Betroffenen nicht verstehen, was Ebola ist. Sondern sie sagt wörtlich: „Verschwörungstheorien entstehen, weil Ebola lange existierende politische und soziale Konflikte an die Oberfläche bringt. Nationale und internationale Ebolahilfseinsätze bedeuten, dass in Ländern, die von Armut, kolonialer Ausbeutung, politischer Korruption und schlechter Infrastruktur geprägt sind, plötzlich Ressourcen ankommen. Weil die Ressourcen aber von den misstrauten und korrupten Regierungen und deren Netzwerken verteilt werden, sind die Effekte auf lokaler Ebene ungleich verteilt“. Diese komplexe Situation prägt nicht nur das Krisenmanagement, sondern hat zuvor die schnelle Ausbreitung von Ebola in Westafrika begünstigt. Misstrauen und Ängsten kann also nur sinnvoll begegnet werden, indem sie vor dem Hintergrund lokaler Erfahrungen ernst genommen werden.

(Ein Abdruck des Leserbriefs in der SZ stand bis zum 27.12.2014 noch aus)

 

Autor_innen:

Prof. Dr. Ulrike Beisel
Universität Bayreuth
Fakultät für Kulturwissenschaften
Ethnologie
95440 Bayreuth

Dr. Anne Menzel
Philipps-Universität Marburg
Zentrum für Konfliktforschung
Ketzerbach 11
35032 Marburg

Dr. Sung-Joon Park
Universität Leipzig
Institut für Ethnologie
Schillerstraße 6
04109 Leipzig

Dr. Anita Schroven*
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Advokatenweg 36
06114 Halle (Saale)

René Umlauf, M.A.
Universität Bayreuth
Fakultät für Kulturwissenschaften
Entwicklungssoziologie
95440 Bayreuth

* Korrespondierende Autorin: anita.schroven@gmx.net

Download PDF
Tagged on: , ,

2 thoughts on “Ebola, Medien und Ethnologie – Offener Brief zum SZ-Artikel „Böser Zauber Ebola“

  1. Catherine E. Bolten

    Thank you, Uli and everyone, for your excellent rejoinder to Kai Kupferschmidt’s mishandling of the ethnologist’s role in the Ebola crisis. Mr. Kupferschmidt took many of the remarks I made in conversation with him out of their context of rational responses to colonial exploitation and corrupt and predatory politics. He instead used fragments of these comments to further exoticize people’s practices, reinforcing popular perceptions of West Africans as illogical and uninformed, with the valiant ethnographer in the middle trying desperately to save lives. This is an inversion of what we actually do. Rather than trying to make the „native“ scientifically literate as a matter of medical necessity, we instead attempt to render western aid workers socially literate as a matter of human necessity.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.