Medizinethnologie

„Deserted Island“. Gedankengänge nach einer Begegnung mit Geflüchteten

Tamara Leydel

Die Begegnung zwischen sieben geflüchteten[1] Syrern im Alter von 19 bis 33 Jahren und mir, einer 25-jährigen, deutschen Studentin der Ethnologie hat sich sehr spontan ergeben. Eine große Portion Neugier meinerseits und ein Telefonat mit einer Ehrenamtlichen, Mia Schneider[2], katapultierten mich in ihre Mitte und es entstand ein Gespräch, das ich in diesem Beitrag wiedergeben möchte. Ich beschreibe dabei nicht nur das Gespräch, sondern auch das, was es in mir auslöste. Auch die Gedanken und Aussagen anderer Personen werden auftauchen. Es ist keine chronologische Beschreibung und ich gebe zu, dass ich diesen Text nicht ganz freiwillig verfasse, sondern für eine Seminararbeit in meinem Ethnologie-Studium. Der Ort der Begegnung ist der Ort meiner Kindheit und Jugend: Die Umgebung der kuhkaffigen Kleinstadt Kaffstadt (mit allen Dörfchen drumrum 14.300 Einwohner) in Oberschwaben, Baden-Württemberg. Damals gab es noch keinen Syrien-Krieg…

Inzwischen leben in Kaffstadt 123 geflüchtete Syrer für unbestimmte Zeit. Sie tauften den Ort „deserted island“, verlassene Insel. Mit meinem Studium in Berlin bin ich fast fertig. Es wäre ein ethnologisches Unding, mir auf einem fünftägigen Heimatbesuch nicht anzuschauen, was es bedeutet, dass Kaffstadt im Sommer 2015 123 syrische Geflüchtete beherbergt. Wie nehmen die Syrer ihr neues Umfeld wahr und wie gehen sie und die Einheimischen aus Kaffstadt miteinander und mit diesem Schock der Veränderung um? (Kaffstädter scheinen mir bei der kleinsten Veränderung zutiefst schockiert und brauchen lange Zeit, um sich davon zu erholen.)

Da ich noch nie länger mit Menschen aus Syrien gesprochen habe und schon gar nicht über solche wichtigen Fragen, war bei diesem Besuch im Juli 2015 der richtige Zeitpunkt. Ich wusste zunächst nicht, was auf mich zukommen wird, wie viele Syrer da sein werden, ob sie Deutsch können etc. Im Endeffekt sprachen wir ca. drei Stunden miteinander, nachdem mich Mia Schneider von einem Parkplatz abgeholt und zur Geflüchteten-Unterkunft gebracht hatte. Die ersten anderthalb Stunden gestalteten sich eher wie eine ethnologische Gruppen-Interview-Situation. Wir befanden uns drinnen, zu Beginn war Mia Schneider noch mit dabei. Die restliche Zeit führten wir ein lockereres, informelles Gespräch draußen bei Kaffee und Zigaretten. Unsere Begegnung empfand ich auf Grund des Gehörten und Gesehenen als beklemmend und emotional sehr anstrengend. Und ungeheuer lehrreich.

Um diese Begegnung so nah wie möglich an die Leserschaft heranzutragen, findet ab nun das Präsens Verwendung. Mit Sicherheit spielt sich gerade jetzt auch eine ähnliche Begegnung zwischen Menschen irgendwo in Deutschland ab.

 

In einem Land zu Hause sein

Draußen ein wunderbar heller, sonniger Tag.

Drinnen sieht‘s nach Winter aus: Ein 12 Meter langer Flur, sehr schmal. Licht gibt’s nur, weil die Türe am anderen Ende, die nach draußen auf eine schmale Treppe ins Erdgeschoss führt, auch geöffnet ist. Keine Fenster. Die nackte Glühbirne an der Decke ist aus. An der einen Seite des Flurs eine kahle Wand, an der anderen sechs schmale, weiße Zimmertüren in regelmäßigen Abständen. Auf den Türen klebt eine laminierte Seite, auf der in schwarzer Schrift Name, Nummer und Herkunftsland von jeweils drei Personen vermerkt sind.

Hier wohnen 12 Syrer und 12 Gambier. Dieser Ort, „Flüchtlingsunterkunft“ oder „Container“ genannt, könnte dem Aussehen nach auch ein Gefängnis sein. Neben dem langen Holztisch, der draußen in der Einfahrt steht, ist dieser Flur der einzige Aufenthaltsraum. Immerhin gibt es ein blaues, verlottertes Sofa, einen langen, schmalen Tisch und sieben Stühle im Flur. An diesem Ort in Kaffstadt verbringe ich die nächsten anderthalb Stunden.

Auch ich habe hier bzw. in der nahen Umgebung einmal gewohnt und gelebt, bin hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, bis zum Abitur. Das Haus meiner Eltern befindet sich sechs Kilometer weiter nördlich, mitten in der Pampa, abseits von öffentlichen Verkehrsanbindungen. Es ist eine sehr ländliche Gegend. Viele Großbauernhöfe, viele katholische Christen und CDU-Wähler mit sehr konservativen Ansichten. Wenn ich während der zwei Male pro Jahr, die ich hier bin, durch die Straßen laufe, fühle ich mich (Dreadlocks und eher bunte Klamotten) angeglotzt, wie irgendwas Exotisches. Perspektiven habe ich für mich hier nie gesehen, weder persönlich noch beruflich. Als meine Eltern vor 1995 zuzogen, gab es jahrelangen Klatsch und Tratsch in und um Kaffstadt, durch den die Einheimischen wohl die Präsenz so anders lebender Menschen verarbeiten mussten. Den Lebensstil meiner Eltern kann man als „alternativ“ bezeichnen: Sie bieten Musiktherapie und Selbsterfahrungsseminare an, haben ein riesiges Tipi auf der Wiese und Tibetfahnen zwischen die Bäume gespannt. (In Geschichtsbüchern kann man lesen, dass in dieser Gegend zu Zeiten der Inquisition besonders viele Hexen verbrannt wurden und ich habe den Verdacht, dass ein gewisses Erbe dieser extremen Abneigung gegenüber Unbekanntem noch immer in den Köpfen vieler Einheimischer hängt.)

Das mag ein drastisches Bild meiner alten Heimat sein. Es ist mein Bild. Und diesem Bild fügen sich nun zwei „Flüchtlingscontainer“ hinzu und ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie die BewohnerInnen von Kaffstadt mit dieser Veränderung, diesem raschen Zuwachs an Fremdem und Ungewöhnlichen umgehen. Und wie enorm fremd müssen sich wohl die syrischen Geflüchteten hier fühlen, wenn ich mich selbst schon zu Schulzeiten hier oft fremd gefühlt habe, obwohl das mein zu Hause war?

Niemand von ihnen ist freiwillig hier. Nicht alle können, auf Grund der Sprachbarriere, detailliert von ihrer zurückgelassenen Heimat erzählen. Einer von ihnen übersetzt meine Fragen für die ganze Gruppe. Meistens diskutieren sie daraufhin untereinander und ich bekomme die Ergebnisse rückübersetzt. Ohne die Hilfsbereitschaft des Übersetzers wäre ich aufgeschmissen, denn das Englisch der Anderen entspricht maximal dem von Achtklässlern. Dadurch entgeht mir sicherlich viel. Ich kann nur mutmaßen, wie über meine Fragen und über mich gesprochen wird und darüber, wessen Stimme den Weg bis zu mir findet und wessen nicht.

Außer einer Person wollen alle am Tisch so schnell wie möglich zurück in ihre syrische Heimat. Sie sprechen in Dankbarkeit und Pflichtbewusstsein über ihr Land und wollen beim Wiederaufbau helfen. Es wird eine Menge zu tun geben. Wir haben unserem Land etwas zurück zu geben. Es hat uns so viel geholfen und jetzt ist es an uns, unserer Heimat zu helfen.[3] Keiner weiß, wann eine Rückkehr möglich sein wird und niemand hat Hoffnung, dass dieser Zeitpunkt bald kommt. Wir schauen jeden Tag auf Facebook nach, aber es ist unmöglich vorauszusagen, was als nächstes passiert und wie die Dinge in Zukunft laufen werden. Alles was uns bleibt, ist zu hoffen, dass unser Gott unser Land rettet.

Die Blicke gen Tischplatte und hängende Schultern. Ernüchterung und Frustration sind jedoch nicht allein in den Gesichtern und der Gestik der jungen Männer. Sie wechseln sich ab mit dem starken Ausdruck von Hoffnung und dem Durst nach Leben. Ein ungleiches Paar, das da in ihren Gesichtern tanzt.

Die Zeit in Deutschland wollen sie nutzen, z.B. um Bauingenieur zu werden und dadurch besser beim Wiederaufbau helfen zu können. Oder um Geld zu verdienen: Einer von ihnen, 25 Jahre alt, ist seit 9 Jahren Zimmermann. Seinen Alltag in Syrien beschreibt er als simple life – bis der Krieg kam. Es war Familienbeschluss, ein Familienmitglied außerhalb Syriens zu schicken, um dort zu arbeiten und der Familie zu helfen. Die Wahl fiel auf ihn. Er verliert kein klagendes Wort über die Beschwerlichkeiten der Flucht oder seine aktuelle Lage. Es sei schon immer sein Traum gewesen zu reisen. Seine Augen sind tief und dunkel und lassen mich im Unklaren über sein Inneres. Es ist hier um einiges leichter als Krieg. Immerhin ist es hier sicher. Alles was einer von uns bisher hier gesehen hat, ist leichter zu ertragen als mit anzuschauen, wie Menschen oder Kinder getötet werden. Jeden Tag. Fast muss ich heulen.

Für die Sicherheit in Deutschland bin ich zutiefst dankbar, aber eine derartige Verbundenheit zu meinem Heimatland verspüre ich nicht. Ich trage eher eine geerbte und kollektive Scham in mir, Deutsche zu sein, die durch das in den drei Stunden Gehörte noch verstärkt wird.

Dieses Deutschland bedeutet eine enorme Hoffnung für die Geflüchteten: In Deutschland können alle, die ein normales Leben führen wollen, das tun. Wer zur Uni will, kann das machen, wer krank ist, kann zum Arzt gehen und Medikamente haben. Die Grundlagen des Lebens eben! Aber eben nur, wenn der Status stimmt… Beschämend, dass hier Geflüchtete in den Hungerstreik gehen, nur um hier leben zu dürfen, bis der Bombenhagel in der Heimat vorbei ist. Beschämend, dass es scheinbar die Verlustangst ist, welche den Umgang mit den Geflüchteten dominiert. Beschämend, dass dieses Land in seiner ach so heiligen Bürokratie angesichts der „Flüchtlingsströme“ auf einmal zu versumpfen scheint. Der Zustand in Berlin gleicht einer humanitären Katastrophe. Für tausende Flüchtlinge, die auf die Erstregistrierung warten, gibt es nicht genügend Klos, Kleidung, Essen, Schlafplätze. Ich schäme mich, weil es mir so gut hier geht und ihnen so schlecht. Deutschlands Politik versagt.

Dominic Johnson empfiehlt in der Tageszeitung „taz“[4] den deutschen Flüchtlingsbürokraten, sich einmal das „Handbook for Emergencies“ des UNHCR durchzulesen, „die Bibel der praktischen internationalen Flüchtlingshilfe“, die auf das Mitspracherecht der Flüchtlinge selbst bei der Organisation der Flüchtlingshilfe pocht. Deutschland hat die UN-Flüchtlingskonvention 1951 unterschrieben. Allerdings bietet sie für die Flüchtlinge in Deutschland selbst ironischer Weise kein Mitspracherecht, da der UNHCR in Deutschland nichts zu melden hat.

 

Sprachlos

In jedem von uns steckt so viel Potential und Wille, hier irgendetwas zu tun, etwas zu entwickeln. Aber durch die Sprachbarriere werden wir hier alle hilf- und nutzlos, egal wie motiviert wir sind! bricht es aus einem 23-jährigen Syrer, der bis vor ein paar Monaten noch Medizin studiert hat, heraus. Mundtot zu sein, ist schlimm für alle von ihnen. Sie würden so gerne Freundschaften knüpfen, Hobbies nachgehen, die Gegend kennen lernen – alles Dinge, die das Warten auf die Aufenthaltsgenehmigung erträglicher machen würden. Aber ohne Deutschkenntnisse keine Chance und auch das Englisch reicht bei vielen nicht aus.

Zwei ältere Herrschaften, ehemalige LehrerInnen in Rente, bieten mehr oder weniger regelmäßig ehrenamtlich Deutschunterricht für die Geflüchteten an. Zwei Mal pro Woche gehen die Syrer dort hin. Frustriert berichten sie, dass sie nach zehn Monaten immer noch nicht genügend gelernt haben, um ein einfaches Gespräch zu führen. Sie haben niemanden zum Üben, keine eigenen Lernmaterialien und unterhalten sich untereinander natürlich auf Arabisch. Mia Schneider, die sehr viel Zeit mit den Syrern verbringt, erzählte mir bei einem Telefonat, dass der Unterricht so langweilig gestaltet sei, dass einige zwischenzeitlich überhaupt nicht hingegangen wären. Die LehrerInnen erklärten sich das mit Faulheit und Undankbarkeit der Geflüchteten. Ein Missverständnis, auf das ich später noch genauer eingehen werde.

Ohne Deutsch kein Arbeitsplatz, kein Mietvertrag, keine Freunde, keine Unabhängigkeit – besonders nicht in einem Kuhkaff in Oberschwaben. Sprache kann eine Mauer sein. Gegen diese Mauer stoßen die syrischen Geflüchteten in Kaffstadt von Tag zu Tag und das deprimiert sie enorm. Ich hatte ein privates Geschäft und ein freies Leben in Syrien. Aber wegen der deutschen Sprache kann ich hier gar nichts tun. Ich fühle mich wie im Gefängnis.

Draußen im Hof machen wir einen kleinen Versuch, uns auf Deutsch zu unterhalten. Ganz einfache Dinge. Die Wörter, die ihnen fehlen, erkläre ich und denke mir dabei, dass das nichts bringt, denn es fehlen Papier und Stift zum Aufschreiben. Das lateinische Alphabet ist auch nicht allen bekannt.

In einem Erstaufnahmelager in Berlin-Spandau habe ich vor ein paar Jahren ein wenig Erfahrung mit Deutschunterricht für Geflüchtete gemacht. Die Menschen dort wollten nicht nur Deutsch lernen: Sie dürsteten nach Abwechslung und sozialer Nähe. Sie suchten Hilfe bei den Ehrenamtlichen und ein Ventil sich mitzuteilen. Die Sitzungen waren immer ziemlich chaotisch, da es keine wirklichen Strukturen gab. Der Aufgabe fühlte ich mich nicht gewachsen, hörte bald wieder damit auf und es ging vielen so wie mir.

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Man könnte meinen, seine PolitikerInnen hätten mehr als genügend finanzielle Kapazitäten, die Situation der Geflüchteten in diesem Land zu verbessern. Diese Ungerechtigkeit, die Menschen aus ihrer Heimat und in die Verzweiflung treibt, wo sie keine Stimme mehr haben, macht mich sprachlos.

 

Warten & Radfahren

So beginnt ein normaler Tag im „Container“ für die Syrer in Kaffstadt: Noch bevor wir uns das Gesicht waschen, gehen wir zum Briefkasten, um zu sehen, ob unsere Aufenthaltsgenehmigung angekommen ist. Wenn wir nichts vorfinden, machen wir uns eine Tasse Kaffee und warten. Um 12 Uhr schauen wir nochmal und wenn nichts passiert ist, sind wir für den Rest des Tages deprimiert.

Die restlichen Aktivitäten des Tages bestehen aus Kochen, Essen, „Chillen“, Putzen, zum Fußballplatz oder ins Freibad gehen, Karten spielen, Schlafen. Jeden Tag das Gleiche und immer in der Gruppe. Der Zusammenhalt unter ihnen ist stark, man kann das als Außenstehende spüren. So zeigt sich die Tugend in der Not: In einem Zimmer sind immer drei Personen untergebracht (jedem Bewohner stehen laut Gesetz 4,5 m² zur Verfügung) und Privatsphäre gibt es nicht, außer man geht spazieren. Unter diesen Bedingungen muss man einfach irgendwie miteinander zurechtkommen und in Kaffstadt klappt das unter den Syrern bisher sehr gut.

Die anfängliche Hoffnung, sich bald in Deutschland etwas aufbauen zu können, wird vom vielen Warten vor allem auf eine Aufenthaltsgenehmigung und der damit einhergehenden Langeweile langsam abgegraben. Sie haben nichts, um sich die Zeit zu vertreiben und vor allem keine Rechte. In Deutschland angekommen, wurde einem von ihnen gesagt: „Du bekommst deine Aufenthaltsgenehmigung am Mittwoch“. Inzwischen wartet er seit zehn Monaten auf Mittwoch. Manchmal gingen den Beamten scheinbar Papiere verloren und die Syrer mussten neue Anträge stellen, ohne den Stand der Dinge erklärt zu bekommen. Auf Fragen bekommt man keine Antwort.

Im Winter haben sie älteren Einheimischen beim Schneeschippen geholfen. Sie wollten nicht als junge Menschen, die keine Arbeit haben, rumsitzen und älteren Leuten zusehen, wie sie sich abmühen. Es ging dabei nicht um Geld, das haben sie stets abgelehnt. Es geht ums Helfen, das ist eine Tradition. So wurden sie erzogen. Sie würden das Gleiche auch in Syrien tun, aber da gibt’s keinen Schnee.

Selten machen sie Ausflüge ins Umland mit dem Bus. Oft geht das nicht, wegen Geld. Von Freizeitangeboten bekommen sie außerdem nichts mit, da sie die Sprache nicht sprechen. Einmal brachte die pure Langeweile einige von ihnen dazu, sich auf die gespendeten Fahrräder zu schwingen und elf Stunden durch die Umgebung zu fahren. Ohne Ziel. Einfach um beschäftigt zu sein.

Einem macht das Nichtstun besonders zu schaffen: Er ist 26, hager, sieht sehr viel älter aus. Oft fährt er sich mit den Händen übers Gesicht wie ein sorgenvoller, alter Mann. Hilfsbereit übersetzt er für mich drei Stunden lang, was die anderen auf Arabisch besprechen. Seine Mutter ist Libanesin, der Vater Syrer. Nach zwei erfolgreichen Master-Abschlüssen hat er einige Zeit im Libanon zusammen mit den UN für syrische Geflüchtete gearbeitet. Ironie des Schicksals, dass er jetzt selbst auf der Flucht ist – That’s life. Im Gegensatz zu den anderen war sein Leben in der Vergangenheit nicht stark von Traditionen und Religion bestimmt, da der Libanon westlicher und liberaler sei. Er war die Freiheit gewöhnt. Deshalb ist es für mich viel schlimmer, länger in einem Raum zu sein und nicht mit meiner Umgebung kommunizieren zu können. Mir wird nach zwei Minuten langweilig. Ich bin nicht gewohnt, nichts zu tun und zu Hause zu bleiben. Dieses endlose Warten, ohne zu wissen, wie lange man warten wird… Er ist nur ein Jahr älter als ich…

Er und auch einige der anderen rauchen sehr viel, um die Zeit totzuschlagen. Als wir draußen sitzen, rauchen wir gemeinsam. Sie schenken mir Zigaretten und machen syrischen Kaffee für mich. In diesem Moment des stillen Teilens bricht aus mir heraus, dass ich nicht fassen kann, wie sie das alles durchstehen, vor allem weil wir ja im gleichen Alter sind. Die Antwort darauf ist schön und furchtbar zugleich: Du hast keine andere Wahl. Du musst einfach. Um nicht völlig depressiv zu werden, müssen wir die Dinge so positiv wie möglich sehen.

Asylanträge aus Osteuropa haben momentan Vorrang, weil Osteuropäer im Gegensatz zu den Syrern rasch abgeschoben werden können, berichtet die Zeitung „taz“[5]. Über so viel Absurdität muss man doch fast schon lachen… Der deutsche bzw. europäische politische Wille ist einzig darauf ausgerichtet, die Mauern höher zu ziehen. Die Syrer sind wütend darüber. Ich auch. Und wir fragen uns, was man dagegen machen kann, ohne wirklich Antworten zu finden.

 

Missverstanden

Missverständnisse passieren vor allem bei Kommunikationsproblemen, die schnell entstehen können, wenn verschiedene Einstellungen, Kulturen, Werte und Sprachen aufeinandertreffen. Um daraus entstehenden sozialen Konflikten vorzubeugen, veranstaltet der Helferkreis „Offen für Alle“ (OFA), ein Zusammenschluss aus engagierten Freiwilligen aus Kaffstadt, ein Mal monatlich das „Kulturcafé“: Bei diesen abendlichen Veranstaltungen sollen Geflüchtete und Einheimische zusammenkommen, sich austauschen und kennenlernen. Das von OFA gestaltete Rahmenprogramm bot bisher u.a. eine Präsentation von traditionellen, schwäbischen Faschingskostümen- und Masken „damit die Flüchtlinge nicht denken, es sei der Krieg ausgebrochen, wenn bei uns die Fasnet losgeht.“ Ein anderes Mal kochten die Syrer für die Einheimischen. Und leider wurde einmal ein schwarzer Trommler eingeladen. Alle Gambier sollten mit ihm in einem Kreis sitzen und mittrommeln. Laut einer einheimischen Besucherin machten die Gambier teilweise den Eindruck, als wäre ihnen das Ganze furchtbar peinlich. Hinter dieser Veranstaltung standen sicherlich nur die guten Absichten der „Willkommenskultur“, aber es sind eben nicht alle Schwarzen talentierte Trommler… Im Gespräch mit den Syrern und bei einem Telefonat mit Mia Schneider kristallisierten sich weitere Schwachstellen des „Kulturcafés“ heraus:

Anwesend sind scheinbar nur diejenigen Einheimischen, die sowieso schon aufgeschlossen gegenüber den Geflüchteten sind. Die Personen mit schwerwiegenden Berührungsängsten glänzen durch Abwesenheit. Das ist ein nicht nur deutschlandweites Problem. Wie kann man etwas in den Köpfen derjenigen bewirken, die Flüchtlingsunterkünfte in Brand stecken und ehrenamtliche Helfer diffamieren?

Zudem waren sich die syrischen Geflüchteten bis zu unserem Treffen selbst im Unklaren über die Absicht der „Kulturcafés“: Wir haben beobachtet, dass die Leute hier eine ähnliche Tradition haben, wie wir zu Hause. Sie treffen sich ein Mal im Monat vor dem Schwimmbad, es ist ein großes Ereignis. Wie eine große Familie. Wir machen solche Treffen in Syrien auch sehr regelmäßig. Es kommen Verwandte, Freunde oder Nachbarn, aber nie Fremde. Hier heißt das „Kulturcafé“. Frau Schneider, die zu diesem Zeitpunkt noch mit uns am Tisch sitzt, reagiert sehr überrascht: „Das ist nichts typisch Deutsches! Wir haben das extra für euch organisiert, dass ihr mit den Kaffstädtern in Kontakt kommt. Wir dachten, das sei klar!“ Die Tatsache, dass die Syrer die Veranstaltungen als eine ihnen vertraute Tradition interpretieren, mag erklären, warum stets nur die Syrer zu den Treffen erscheinen und die Gambier fast nie. Es ergibt sich daraus ein weiteres Problem: Die Mitglieder von OFA haben die Zukunftsvision, dass die „Kulturcafés“ so schnell wie möglich von den Geflüchteten in Eigenregie geleitet werden. Wie soll das aber funktionieren, wenn diesen noch nicht einmal der Sinn des Ganzen vermittelt werden konnte? Viel wichtiger noch: Wurde denn mal nachgefragt, ob und wie die Geflüchteten das überhaupt selbst wollen? Mit Sicherheit werden nicht alle von ihnen dieselben Vorstellungen von diesem Projekt haben und dieser Tatsache müssen sich die HelferInnen von OFA stellen. Darüber hinaus fehlt es dafür schlicht auch an Räumlichkeiten und an mehr langfristigen, einheimischen Helfern. „Niemand will auf Dauer Verantwortung übernehmen“, sagt Mia Schneider und zuckt frustriert mit den Achseln.

Zurück zu dem Problem mit den ehrenamtlichen DeutschlehrerInnen, die sich auf den Schlips getreten fühlten, da immer weniger Personen zu ihrem Unterricht erschienen. Bei einem ernsthaften Gespräch zwischen Frau Schneider und den Syrern wird folgendes klar: Die Syrer sind noch nie auf die Idee gekommen, ihnen könne jemand nicht wohlgesonnen sein. Langeweile, Regen oder Ramadan sind für sie gerechtfertigte Gründe, nicht zum Unterricht zu erscheinen. Es war nicht ihre Absicht, die Engagierten damit zu beleidigen. Sie wollen niemand etwas Böses und äußern sich auch während der gesamten Dauer unseren Gesprächs stets nur positiv über die Kaffstädter. Sie beschreiben sie als ihre Helfer, die Kleider und andere Dinge spenden, als nette, höfliche Menschen, mit denen zwar nicht viel Kontakt besteht, aber das wird allein auf die Sprachbarriere zurückgeführt. Wird diese Harmonie mir nur vorgegaukelt, weil ich auch als eine Einheimische gesehen werde, die man nicht beleidigen will? Nein, denn auch gegenüber Mia Schneider und anderen Ehrenamtlichen äußern sie sich nie negativ über die StadtbewohnerInnen. Angesichts der Tatsache, dass ich erlebt habe, wie es in Kaffstadt teilweise über die Geflüchteten äußerst fremdenfeindlich tönt, bin ich darüber verwundert. Darüber hinaus wurden OFA-Mitglieder von Unbekannten auf Grund ihres Engagements bedroht.

Manchmal ist es besser für den Seelenfrieden, wenn man nicht versteht, was die Leute reden…

 

„Deserted island“

Am sozialen Frieden in der Stadt ist dem Bürgermeister sehr gelegen. Er hält die BürgerInnen zu einem respektvollen Miteinander an und versichert im Gegenzug: „Wir führen dazu mit allen ankommenden Flüchtlings-Gruppen regelmäßig Gespräche, um auf gewisse ‚Spielregeln‘ hinzuweisen.“ Ich wüsste sehr gerne, was bei diesen Gesprächen so gesprochen wird und vor allem wie. Lobenswerter Weise gibt es zudem öffentliche Aufrufe von Seiten der Stadt an Arbeitgeber. Diese sollen doch wenn möglich Flüchtlinge einstellen. Als Beispiel nennt der Bürgermeister „die derzeitige Sanierung der Wanderwege im Ried […], bei denen mehrere Asylbewerber z.B. beim Einbau von Hackschnitzeln mit beteiligt waren und sind.“

Ob die Geflüchteten dann dafür bezahlt werden oder ob es lediglich darum geht, eine „geordnete Tagesstruktur mit sinnvoller Beschäftigung“ (Zitat Bürgermeister) zu schaffen, blieb mir unklar. Unübersehbar ist jedoch, dass es Bemühungen in der Kaffstadt gibt, den „Gästen“, wie sie auf einer Internetseite des Landkreises genannt werden, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Manche davon fruchten mehr, andere weniger. Insgesamt gehen die Einheimischen auf jeden Fall menschlicher mit den Geflüchteten um als andernorts in Deutschland.

Neben den Gründen für die Flucht aus der Heimat und den ganz persönlichen durchlebten Qualen der Geflüchteten gibt es jedoch Umstände in Kaffstadt, die ihnen das Leben schwer machen und an denen sich nur schwer etwas verändern lässt: Problematisch ist, dass fast alle von uns recht jung sind. Und hier in Kaffstadt gibt es keine Jugendlichen. Eltern hier haben keine Kinder in unserem Alter. Wir können nicht mit Gleichaltrigen interagieren. Das Alter ist ein Hindernis! Zum Beispiel wenn du depressiv bist und mit jemandem reden willst, kannst du niemanden zum Reden finden, weil ältere Leute ganz anders leben und denken wie wir. Sie haben eine andere Mentalität. Das ist ein Riesenproblem für uns hier.

Außerdem gibt es deutschlandweit nicht genügend Betreuungspersonen und MitarbeiterInnen in den Ämtern. Tausende Ehrenamtliche im ganzen Land versuchen, so gut sie können, zu helfen und tun ihre Solidarität mit den Geflüchteten kund (die Politik sollte sich daran ein Beispiel nehmen und die Solidarität, die sie von den deutschen BürgerInnen einfordert, einmal selbst zeigen). Viele unter ihnen können gezwungenermaßen nur sprunghaft und kurzfristig mithelfen, so ist das auch in Kaffstadt. Frau Schneider aber steht den Syrern sehr nahe und füllt beinahe ihre sämtliche Freizeit mit Fahrdiensten, Arztbesuchen und allem, was sonst noch anfällt. Die Syrer haben einen Kosenamen für sie: ‚Spiritual mother‘. So wie eine Mutter ihre Töchter und Söhne behandelt und sich um sie kümmert. Gott sei Dank haben wir sie gefunden! Mal ist Frau Schneider optimistisch, angesteckt vom zeitweise aufflammenden Kampfgeist ihrer Schützlinge. Mal fühlt sie sich ohnmächtig, weil sie in ein Fass ohne Boden blickt. Mal ist sie wütend: „Es trifft uns unvorbereitet. Dabei braucht man keine Experten, um zu sehen, dass die alle aus ihren Ländern fliehen wollen!“

Kaffstadt ist für keinen meiner Gesprächspartner die Endstation, an der sie bleiben wollen. Sie wollen weg hier. Um ein breiteres Bild von den Deutschen und dem Leben hier zu haben, müssen wir diese Stadt verlassen, in eine größere Stadt gehen… Hier sind wir wie auf einer gottverlassenen Insel.

Deserted island.

 

Nachwort

Kurz bevor ich mich verabschiede, werde ich gefragt, was ich denn jetzt so vorhabe. Ohne nachzudenken, erzähle ich: „In ein paar Tagen geht’s zurück nach Berlin, dann fahre ich zwei Wochen in den Urlaub nach Portugal. Im September gehe ich für ein Auslandssemester sechs Monate nach Paris. Danach ein halbes Jahr nach Kamerun für meine Masterarbeit.“ Ich hätte nichts Dümmeres sagen können. Die darauf folgende Antwort reißt einen Abgrund zwischen uns auf, der die Kontraste zwischen unseren Schicksalen/Lebensgeschichten in aller Härte/Dramatik verbildlicht. Mir wird klar: Trotz der kleinen Momente des Teilens und des Verständnisses für ihre Situation in diesem gottverdammten Kuhkaff, in dem ich selbst aufgewachsen bin, werde ich niemals fähig sein, sie wirklich zu verstehen.

Du wirst gehen, deine ganze Reise machen. Du kommst zurück und wir werden immer noch hier sein.

 

Fußnoten

[1] Hier wird eine umfassende Diskussion zu den Begriffen „Flüchtlinge“, „Geflüchtete“, „Zufluchtssuchende“ geboten: http://www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete/.

[2] Namen von Personen, Orten und Organisationen sind erfunden.

[3] Wörtliche Aussagen der Geflüchteten werden kursiv geschrieben. Der erste Teil des Gesprächs wurde mit einem Aufnahmegerät aufgenommen und zum Teil transkribiert. Für den zweiten Teil habe ich direkt im Anschluss der Begegnung Feldnotizen gemacht.

[4] Johnson, Dominic (2015): Deutschland liegt nicht in Afrika. In: taz, die tageszeitung. Online-Ausgabe vom 24.08.2015. Abrufbar unter: http://www.taz.de/!5222308/, zuletzt geprüft am 29.10.2015.

[5] Voss, Hanna (2015): Das Super-Wunderland. In: taz, die tageszeitung. Online-Ausgabe vom 3.8.2015. Abrufbar unter: http://taz.de/Fluechtlings-Protestcamp-in-Dortmund/!5216961/, zuletzt geprüft am 29.10.2015.

 

Autorin

Tamara Leydel studierte zunächst Europäische Ethnologie im BA an der Humboldt Universität, Berlin und begann vor einem Jahr den MA Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität, Berlin. Dieser Text entstand im Rahmen einer außergewöhnlichen Seminararbeit: Die Aufgabe war es, einen Text zu schreiben, der ganz ohne Theorien und Wissenschaftsjargon auskommen, aber auf jeden Fall ethnographisch beschreibend und reflektierend sein sollte. Damit war erstens das Schreiben eine Freude und zweitens kann das Geschriebene eventuell einer breiteren Öffentlichkeit Impulse verleihen.

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