Medizinethnologie

Warum Mindfulness, Life Coaching und Self-Help an Popularität gewinnen: Der Workshop „Travelling and Transforming Therapeutics“ nahm therapeutische Praktiken global unter die Lupe

Suvi Salmenniemi, Harley Bergroth, Inna Perheentupa, Johanna Nurmi, Laura Kemppainen, Tatiana Tiaynen-Qadir

Bild 1: © Jutta Reippainen

Verschiedene therapeutische Praktiken des Selbst, welche zur Förderung von Gesundheit, Glücksempfinden und seelischem Wohlergehen eingesetzt werden – beispielsweise self-help, Coaching, Kurse für spirituelles Wachstum, self-tracking sowie alternative und komplementäre Therapieformen –, sind weltweit populärer geworden. Um diese Praktiken herum sind eine Menge neuer Professionen und Formen der Expertise entstanden, die auf vielfältige Weisen im Alltag von Menschen präsent sind.

Diesem Phänomen ist der internationale Workshop Travelling and Transforming Therapeutics: Subjectivity, Materiality and Inequality aus interdisziplinärer Perspektive nachgegangen, welcher vom 1. bis 2. Dezember 2016 an der Universität Turku in Finnland stattfand. Entlang des Konzeptes des „Therapeutischen“ wurden die vielfältigen psychologischen, spirituellen und gesundheitlichen Praktiken untersucht, welche Menschen in der Gestaltung ihrer Selbst- und sozialen Beziehungen einsetzen. Vergleichbare Veranstaltungen, welche therapeutische Praktiken in ihrer ganzen Bandbreite darstellten und diskutierten, sind bisher kaum organisiert worden.

Zwei soziologische Forschungsprojekte der Universität Turku haben den Workshop dabei ins Leben gerufen: The Puzzle of the Psyche: Therapeutic Knowledge and Selfhood in a Comparative Perspective (gefördert durch Kone Foundation) und Tracking the Therapeutic: Ethnographies of Wellbeing, Politics and Inequality (gefördert durch Academy of Finland). Die beiden Projekte verbindet das Verständnis, dass therapeutische Praktiken und Diskurse als Linse fungieren können, um gesellschaftliche Prozesse im Spannungsfeld von Macht, Politik und Ungleichheit zu analysieren.

Die Keynote-Vorträge wurden von Helen Lambert (University of Bristol), Ole Jacob Madsen (University of Oslo) und Eeva Sointu (Smith College) gehalten. Sointu stellte in ihrem Auftaktvortrag heraus, dass wesentliche Aspekte von „gelebter Erfahrung“ (lived experience) in vorherrschenden theoretischen Konzeptionen über das Therapeutische häufig vernachlässigt werden, da beispielsweise der Körper innerhalb sprachdominanter (psycho-)therapeutischer Kontexte bisher marginal behandelt wurde. Sie unterstrich, dass Körperlichkeit, Emotionen und Rituale einen ergiebigeren Zugang zu einem umfassenden Verständnis individueller Deutungsprozesse ermöglichen können und dementsprechend in künftiger Forschung fokussiert werden sollten.

Madsen wiederum widmete sich in seinem kritischen Vortrag der Psychologisierung der Gesellschaft und dem vermehrten Einsatz von emotionalen und psychologischen Termini außerhalb professioneller therapeutischer Kontexte. Mit Blick auf die zunehmende Popularisierung psychologischer Ideen und die aufweichenden Grenzen zwischen populärer und professioneller Psychologie forderte Madsen – der selbst Psychologe ist –, dass sich die Psychologie als Fach einer tiefgreifenden ethischen Reflexion unterziehen sollte.

Lambert betrachtete im dritten Keynote-Vortrag therapeutische Praktiken im Kontext Indiens und machte damit auf deren Vielfältigkeit im globalen Kontext aufmerksam. Schließlich ist das Therapeutische nicht nur auf psychologisches Wissen und eine Kultur selbstreflexiver Praktiken zurückzuführen, sondern das Phänomen umfasst auch verschiedene traditionelle Heilmethoden der Volksmedizin und deren kommerzialisierte Formate. Ihr Fokus lag dabei auf „subalternen“ therapeutischen Praktiken und im Besonderen auf der Tätigkeit von bone doctors. Lambert erforschte den in Familien vererbbaren Beruf, welcher außerhalb des öffentlichen Gesundheitssystems Indiens angesiedelt ist, über viele Jahre. Ihre ethnographische Beschreibung der Praktiken und Strategien der HeilerInnen, ihre Dienste zu bewerben, eröffnete einen spannenden Blick auf den Pluralismus der Gesundheitsversorgung und (Selbst-)Pflege im Alltag Indiens.

Bild 2: © Christina Athanasopoulou

Das vielfältige und fluide Therapeutische

Therapeutische Praktiken des Selbst sind ein globales Phänomen: Einerseits haben sie viel gemeinsam, andererseits reisen sie von Ort zu Ort und nehmen auf diese Weise unterschiedliche lokale Bedeutungen und Formen an, wenn sie Teil der jeweiligen historischen, kulturellen und geographischen Kontexte werden. Die Konferenz versuchte insbesondere, diese vielfältigen Erscheinungsformen und die Mobilität therapeutischer Praktiken hervorzuheben.

Die Forschung zu diesem Thema hat sich dabei bisher insbesondere auf die USA und Großbritannien konzentriert (für eine Ausnahme hierzu vgl. Bierski 2016). Im Workshop wurde der anglo-amerikanische Blick erweitert, und von insgesamt 40 Vortragenden aus Sozial- und Kulturanthropologie, Soziologie, Religionswissenschaft, Geschichte, Medienwissenschaft, Philosophie, Gender Studies, Sozialpsychologie und Psychologie besprochen, wie therapeutische Praktiken u.a. in Finnland, Norwegen, Israel, Portugal, Russland, Deutschland oder Indien wirken und durch welche (nicht-)materiellen Akteure und Dimensionen sie vermittelt werden. So wurden neue Perspektiven auf transnationale, materielle und fluide therapeutische Praktiken gewonnen. Durch das Untersuchen der therapeutischen Praktiken in ihrem jeweiligen Kontext brach die Konferenz die Konzeption des Therapeutischen als eine einheitliche und klar abzugrenzende Kultur auf und zeigte stattdessen, dass das Therapeutische ein sich veränderndes und wandelndes Phänomen ist, welches je nach Kontext verschiedene Bedeutungen und Formen annimmt. Das Aufzeigen der Diversität und der Kontextualität des Therapeutischen war somit ein zentraler Fokus der Tagung.

Beleuchtet wurden u.a. mindfulness– und neuspirituelle Praktiken, die Rolle der Religion im Alltag von Menschen, die Wissensproduktion in der Alternativmedizin sowie technische und digitale Applikationen zur Selbstbeobachtung. Auch die theoretischen Ausgangspunkte variierten: Das Therapeutische wurde beispielsweise durch Intersektionalität, affektive Arbeit, soziale Bewegungen, Foucaultsche Machtanalyse, feministische Körpertheorien und Akteur-Netzwerk-Theorie interpretiert. Eine zentrale Diskussion der Konferenz drehte sich des Weiteren darum, konkreter zu fassen, was der Begriff vom „Therapeutischen“ beinhaltet bzw. bedeutet und wie die Beziehung zwischen dem Therapeutischen und dem Politischen zu verstehen ist. Es wurde beispielsweise besprochen, welche materiellen Formen das Therapeutische u.a. durch digitale Technologien oder Körpertechniken in der gegenwärtigen Gesellschaft annimmt und was materielle Agency im Kontext des Therapeutischen bedeuten könnte. Des Weiteren wurde in Frage gestellt, ob therapeutische Praktiken automatisch depolitisierend wirken müssen, insofern sie individuelle Lösungen für strukturelle Problemen bieten. In Vorträgen wurde im Gegenteil gezeigt, dass das therapeutische Feld auch als Plattform für politische Kritik und kollektives Handeln fungieren kann.

Bild 3: © Christina Athanasopoulou

Perspektiven: Für eine nuancierte Konzeption des Therapeutischen

Obwohl die Erforschung therapeutischer Praktiken seit einigen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, sind bislang viele Fragen unbeachtet geblieben, welche aber in Hinblick auf ein breiteres und tieferes Verständnis des Phänomens unumgänglich sind. Insbesondere ist das körperliche Erleben therapeutischer Selbstpraktiken ein bisher vernachlässigtes Forschungsfeld. Auch die Erforschung individueller Bedeutungsproduktion könnte bei der genaueren Beantwortung der Frage helfen, warum Menschen sich zu unterschiedlichen therapeutischen Praktiken hingezogen fühlen. Es müsste z.B. untersucht werden, welche Vorstellungen und Erwartungen Menschen in Bezug auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben und wie die Veränderung der Wohlfahrtsstaaten und der Aufschwung therapeutischer Praktiken verknüpft sind. Ebenso wichtig ist es zu untersuchen, wie therapeutische Praktiken in politisches Handeln umgewandelt werden, oder wie sich neuartige Modi der „Selbst-Arbeit“ eröffnen, wenn religiöse und therapeutische Praktiken verschmelzen.

AutorInnen

Die AutorInnen Suvi Salmenniemi, Harley Bergroth, Inna Perheentupa, Johanna Nurmi, Laura Kemppainen und Tatiana Tiaynen-Qadir haben den Workshop organisiert und sind alle im Forschungsprojekt Tracking the Therapeutic (Academy of Finland) in der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Turku tätig.

Übersetzerin

Jutta Reippainen ist Masterstudentin der Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin mit Schwerpunkt Medizinethnologie und absolvierte ein Praktikum im Rahmen des Forschungsprojekts Tracking the Therapeutic im Herbst 2016.

Literaturverweise

Bierski, Krzysztof. 2016. Finding Peace on a Psychiatric Ward with Yoga: Report on a Pilot Anthropological Study in Pondicherry, India. http://www.medizinethnologie.net/finding-peace/. Letzter Zugriff am 13.04.2017.

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